Evangelium zum 30. Sonntag im Jahreskreis Mk 10, 46-52

Sie kamen nach Jericho. Als er mit seinen Jüngern und einer großen Menschenmenge Jericho wieder verließ, saß am Weg ein blinder Bettler, Bartimäus, der Sohn des Timäus. Sobald er hörte, dass es Jesus von Nazaret war, rief er laut: Sohn Davids, Jesus, hab Erbarmen mit mir! Viele befahlen ihm zu schweigen. Er aber schrie noch viel lauter: Sohn Davids, hab Erbarmen mit mir! Jesus blieb stehen und sagte: Ruft ihn her! Sie riefen den Blinden und sagten zu ihm: Hab nur Mut, steh auf, er ruft dich. Da warf er seinen Mantel weg, sprang auf und lief auf Jesus zu. Und Jesus fragte ihn: Was willst du, dass ich dir tue? Der Blinde antwortete: Rabbuni, ich möchte sehen können. Da sagte Jesus zu ihm: Geh! Dein Glaube hat dich gerettet. Im gleichen Augenblick konnte er sehen und er folgte Jesus auf seinem Weg nach.

Das neue Sehen

„Nicht die Gesunden bedürfen des Arztes, sondern die Kranken“ (Mk 2,17), hören wir an anderer Stelle aus dem Mund Jesu. Da verwundert es, dass der Herr den Blinden umständlich fragt, was er denn von ihm wolle. Bartimäus hat sicherlich von den vielen Heilungen durch Jesus gehört. Sonst hätte er nicht so vehement gerufen. Er war blind und am Rand des Weges. Ausgeschlossener geht es gar nicht. Ungewöhnlich zu lesen jedoch ist, dass scheinbar nicht Jesus ihn geheilt hatte, sondern sein eigener Glaube.

Auch heute kann Glaube „heilen“: Da wäre der Effekt, wenn man an vom Arzt manchmal gegebene Palcebo-Medikamente glaubt. Auch der Schönwetter-Vorhersage des ORF kann man glauben und durch sie zu einer Bergtour motiviert sein.

Das wirkliche Wesen des Glaubens aber besagt am besten das althochdeutsche Wort „galaubjan“: „für wahr halten“, „jemandem vertrauen“, also auf jemanden setzen. Papst Franziskus sagt dazu: „Eines Tages sah Jesus uns am Rand des Weges, auf unseren Leiden sitzend, auf unserem Elend, auf unserer Gleichgültigkeit. Jeder kennt seine alte Geschichte. Er hat uns nicht zu schweigen befohlen, sondern ist im Gegenteil stehengeblieben, hat sich uns genähert und gefragt, was er für uns tun könne.“ (09.07.2015)

So wünsche ich Ihnen Menschen, verehrte Leserinnen und Leser, die Ihnen sagen: „Hab Mut! Steh auf!“ Ich wünsche Ihnen nicht Begegnungen mit Ideologen oder Rezeptgebern, sondern mit Zeugen der Frohbotschaft des Evangeliums.

Auf der linken Seite der Esplanade des Marienwallfahrtsortes Lourdes findet man eine kleine Tafel mit einer Inschrift in Französisch, die man so übersetzen kann: „Den Glauben wiederfinden ist mehr als das Augenlicht bekommen.“ Mit den Augen sieht man die materielle Welt. Der Glaube aber heilt, denn er schenkt uns das Licht, welches uns das ewige Leben eröffnet.

 © Diakon Christoph Mittermair (2018)            

www.diakon-christoph.com

Kategorien: Allgemein

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